Schweizer kauften für 10,7 Milliarden im Ausland ein

Schlechte Nachrichten für den Schweizer Detailhandel: 2015 gaben die Schweizer 10,7 Mrd. Franken im Ausland aus. Im Schnitt fuhren die Einkaufstouristen 76 Kilometer weit.

Der billige Euro lockt die Schweizer Konsumenten in Scharen zum Einkaufen ins benachbarte Ausland. Im vergangenen Jahr gaben sie dort laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK zum Wechselkurs von 2013 gerechnet rund 10,7 Mrd. Fr. aus. Das sind 6 Prozent mehr als 2013.

Angesichts der langen Autoschlangen, die sich jeden Samstag über die Grenze quälen, erscheint es überraschend, dass die Steigerung nicht grösser ist. Allerdings konnten die Schweizer durch die starke Verbilligung des Euro mit dem gleichen Budget mehr Waren im Ausland einkaufen, wie Studienautor Thomas Hochreutener sagte. Wertmässig sei die Steigerung deshalb nicht so hoch ausgefallen.

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Die Schweizer kaufen pro Jahr für 11 Milliarden Franken im Ausland ein. Das zeigen Daten von GfK. Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und dem Fall des Eurokurses nutzen viele Schweizer Shopping-Touristen die Möglichkeit, im nahen Ausland Schnäppchen zu machen. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Alter Wechselkurs wegen Vergleichbarkeit

Um die Daten mit der Studie von 2013 vergleichen zu können, wurde die Berechnung mit dem Wechselkurs von 2013 angestellt. Damals kostete ein Euro 1,24 Franken. Zum realen Wechselkurs vom letzten Jahr von etwa 1,05 Franken gerechnet wären die Ausgaben gesunken, und zwar auf 8,6 Milliarden Franken, der «Blick» vorrechnet.

Der Einkaufstourismus dürfte seinen Höhepunkt erreicht haben, wenn der Euro auf dem jetzigen Niveau bleibe, sagte Hochreutener. Wenn der Euro sich nochmals deutlich abschwächen würde, dürfte der Einkaufstourismus weiter zulegen. Von den 10,7 Mrd. Franken, die die Schweizer im Ausland ausgaben, entfielen 1,4 Mrd. Fr. auf Einkäufe im Internet. Das sind 12 Prozent mehr als 2013.

Ladenöffnungszeiten auch ein Grund

Die billige Gemeinschaftswährung ist allerdings nicht der einzige Grund, über die Grenze zum Shoppen zu fahren. Für ein Fünftel der Schweizer sind auch die längeren ausländischen Ladenöffnungszeiten der Anlass, besonders in Kantonen mit restriktiven Ladenöffnungszeiten.

Die stärkste Zunahme bei den Auslandeinkäufe (ohne Onlinehandel) verzeichnete das Tessin. Sie schnellten um die Hälfte auf 514 Mio. Fr. nach oben. Dagegen blieben die Auslandeinkäufe in der Westschweiz bei 2,1 Mrd. Fr. stabil. In der Deutschschweiz stiegen sie um 5 Prozent auf 6,7 Mrd. Franken.

Am meisten kauften die hiesigen Konsumenten jenseits der Grenze Lebensmittelliessen, für 2,41 Mrd. Franken. Dahinter folgten neue Kleider für 1,82 Mrd. Franken sowie Körperpflege und Hygieneprodukte für 740 Mio. Franken. Deutlich zugelegt haben die Einkäufe von Sportwaren, Spielwaren oder Möbel, so Hochreutener.

Einkaufen auf Ausflügen oder Reisen

57 Prozent der Schweizer Haushalte kauften mindestens einmal pro Monat im Ausland ein. Dieser Anteil habe gegenüber dem hohen Niveau von 2013, als es 55 Prozent waren, nochmals zugenommen, heisst es in der Studie.

Das Konsumentenverhalten hat sich seit 2013 verändert. Die Konsumenten fahren seltener einzig nur für den Einkauf ins Ausland. Bei solchen gezielten Einkäufen gaben die Schweizer 4,8 Milliarden Franken aus, 5 Prozent weniger als 2013. Auslandeinkäufe werden immer häufiger mit einem Ausflug verbunden.

76 Kilometer pro Einkaufsfahrt

Die Schweizer sind bereit, lange Wege in Kauf zu nehmen: Die durchschnittlich zurückgelegte Strecke von 76 Kilometern pro gezieltem Besuch ist auch 2015 nochmals leicht um 2 km angestiegen. Auslandeinkäufe beschränken sich also nicht nur auf Bewohner von Grenzregionen. Sogar aus dem Wallis fahren Einkaufstouristen nach Deutschland.

Für die Studie hat die GfK rund 1100 Haushalte von Oktober 2015 bis Januar 2016 online befragt. Die Studie wurde im Auftrag der Interessengemeinschaft (IG) Detailhandel mit ihren Mitgliedern Coop, Denner, Manor und Migros durchgeführt.

Quelle: (sda/kwo), 20 Minuten

«Ich habe gar nicht überlegt, ob ich das auch in der Schweiz bekomme»

Schweizer Kunden strömen zum Einkaufen über die Grenze. Dort suchen sie Einkaufserlebnis und günstige Preise. Schweizer gestehen, dass sie die deutschen Preise nicht einmal mehr mit denen zu Hause vergleichen. Nur eine Branche blüht weiter.

Ein bisschen was von allem: Bei Einkaufstouristen fallen die Einkäufe meist etwas grösser aus. | Bild: Carsten Rehder (dpa)

Ein bisschen was von allem: Bei Einkaufstouristen fallen die Einkäufe meist etwas grösser aus. | Bild: Carsten Rehder (dpa)

Die Autos stauen sich in Richtung Konstanzer Innenstadt. Das ist seit Jahren samstäglicher Alltag in Kreuzlingen vor der Grenze. In der Schlange, die zu den Parkplätzen und Tiefgaragen in Konstanz steuert, stehen fast ausnahmslos Autos mit Schweizer Kennzeichen.

Viele Produkte sind bei einem für Einkaufstouristen idealen Währungsverhältnis von fast 1:1 fürs Schweizer Portemonnaie verlockend billig. Dazu kommt die Mehrwertsteuer-Rückerstattung.

Für einen Einkauf im Euroland fahren die Einkaufstouristen 100 Kilometer und mehr. In Konstanz tragen sie mehr als ein Drittel zum Umsatz der Geschäfte bei, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt entlang der schweizerischen Grenze.

Umsatz des Schweizer Einzelhandels sinkt immer weiter

Die Einkaufstouristen geben insgesamt rund 10 Milliarden Franken jährlich im Ausland aus, alle Grenzregionen und die Online-Einkäufe eingerechnet. Das sind 10 Prozent des Schweizer Einzelhandelsumsatzes, berechnete das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz.

Ihr gehören Migros, Coop, Manor und Denner an. Der Umsatz des Schweizer Einzelhandels ist im ersten Halbjahr 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent gesunken, wie das Marktforschungsinstitut GfK Anfang August mitteilte. Der Hauptgrund liegt laut GfK beim Einkaufstourismus.

Umsatzsteigerungen nur im Bereich Fast Food

2014 war das Geschäft noch geringfügig gewachsen. «Eine leichte Zunahme gibt es im Bereich Food», fasst Karin Keller-Sutter, Präsidentin des Verbandes Swiss Retail, dem 40 Detailhandelsunternehmen angehören, das Ergebnis des letzten Jahres zusammen.

Im Lebensmittelbereich ist der Markt zunehmend gesättigt. Auch bei Kleidung und Schuhen macht sich eine Konsolidierung bemerkbar. Zu diesem Schluss kommt der Retail Outlook der Credit Suisse auch für 2015.

Detailhandels-Experte Gotthard Wangler sagt sogar: «Der Detailhandel wächst vor allem wegen der Zuwanderer.» Am Bruttoinlandprodukt (Bip) als Indikator für die Leistung der Volkswirtschaft hat der private Konsum einen Anteil von rund 60 Prozent. Der Detail- oder Einzelhandel steuert aber nur 5 Prozent bei.

Autohandel kaum betroffen

Nach wie vor positiv entwickelt sich die Autobranche. Autokäufe sind in den Zahlen zum Einkaufstourismus nicht enthalten. «Ein Grossteil der Schweizer Autofahrer kauft sein Fahrzeug zweifellos in der Schweiz», sagt Katrin Portmann, Sprecherin des Autogewerbe-Verbandes Schweiz.

Der Anteil der Direktimporte beträgt nach Angaben des Importverbandes Auto Schweiz nur 7 Prozent. Konsumenten, die in der Schweiz einen neuen Mittelklassewagen für 28.000 Franken kaufen, bezahlen im Preis enthalten 8 Prozent Mehrwertsteuer oder 2240 Franken.

Wenn sie mit dem Wagen während eines Jahres einmal pro Monat im Ausland für 100 Franken einkaufen, entgehen der Schweiz im Vergleich nur 96 Franken an Mehrwertsteuer.

Schweizer Geschäfte könnten länger geöffnet haben

Dennoch bewog der Einkaufstourismus den Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi zur Beantragung einer Gesetzesänderung. Geschäfte sollen während der Woche von 6 bis 20 Uhr und an Samstagen von 6 bis 19 Uhr geöffnet haben dürfen.

Bundesrat und Parlament haben dem Anliegen zugestimmt. Verlängerte Öffnungszeiten sollen zum Einkaufsbummel zu Hause verlocken und so den Kaufkraftabfluss eindämmen. Man müsse von mindestens 500 Millionen Franken ausgehen, die durch Einkaufstourismus an Mehrwertsteuereinnahmen entfallen, erklärt die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter.

Gemessen an den Gesamteinnahmen des Bundes von rund 22 Milliarden Franken jährlich machen die 500 Millionen Franken einen Anteil von etwas mehr als 2 Prozent aus.Seit dem 1. Januar 2015 gelten neue Regelungen für bestimmte Branchen, die nach groben Schätzungen der Schweizer Regierung 4 Millionen Franken mehr in die Steuerkasse spülen werden.

Warum die Schweiz nicht günstiger verkaufen kann

Dennoch sagt auch Gotthard Wangler: «Der Einkaufstourismus ist schädlich für die Schweizer Wirtschaft.» Denn wer günstiger im grenznahen Ausland einkaufe, wolle in der Schweiz trotzdem das Lohnniveau und die Qualität beibehalten. 95 Prozent des Einkaufstourismus seien im Preis begründet.

Karin Keller-Sutter betont, dass die höheren Preise in der Schweiz nicht durch Willkür des Handels verursacht seien. «Die höheren Preise sind auf Handelshemmnisse, höhere Logistik- und Werbekosten und auf die administrierten Preise staatsnaher Betriebe zurückzuführen.»

«Gleichzeitig hebt sie die wichtige volkswirtschaftliche Rolle der Branche hervor: Der Detailhandel sei nach dem Gesundheitswesen mit 300.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber und bildet mit 17.000 Auszubildenden am meisten Lehrlinge aller Branchen aus.

Derart grosse Umsatzeinbrüche wirken sich deshalb auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt aus und betreffen damit die ganze Volkswirtschaft und alle Bürger, die ja gleichzeitig auch Konsumenten sind.»

Konsumenten rechnen nicht genau

Die Konsumenten aus der Schweiz machen die Rechnung nicht unbedingt genau. Das zeigt eine Kurzumfrage in Konstanz. Ein Mann mit St. Galler Kennzeichen sagt, er habe ein Produkt im Prospekt gesehen und gar nicht überlegt, ob er das auch in der Schweiz bekomme.

Ein Deutscher mit Thurgauer Kennzeichen erklärt, die Auswahl sei größer und die Preise seien günstiger. Er spare mit diesem Einkauf, bejaht er, jedoch nicht, um das Geld für etwas anderes auszugeben, er spare einfach. «Davon profitiert möglicherweise die Autobranche, aber beispielsweise auch der Wellnessbereich», vermutet Gotthard Wangler.

Sarah Stalder, Geschäftsführerin des Konsumentenschutzes, glaubt, dass die Konsumenten das eingesparte Geld wieder im Ausland ausgeben, denn: «Leute, die gemerkt haben, welch grosse Einsparungen sie mit dem Auslandeinkauf erreichen, werden ihn zur Gewohnheit machen», so Stalder.

Dagegen helfe lediglich, die Preise für Importprodukte dem umliegenden Ausland anzugleichen. Für Ueli Mäder, Soziologe an der Universität Basel, zählen für die Einkaufstouristen neben dem Preisargument noch weitere Motive wie etwa die andere Umgebung. Der Wissenschaftler verweist darauf, dass «ein Feriengefühl aufkommen kann, wenn ich in einer andern Währung bezahlen muss».

Quelle: Madeleine Stäheli Toualbia, Südkurier