Michel Jüstrich, Chef von Similasan, spricht Klartext: «Die Löhne werden sinken müssen»

«Der Erfolg der Schweiz ist auf drei Werten aufgebaut. Fleiss, Eigenverantwortung und liberale Wirtschaft. Alle drei scheinen mir den Bach runterzugehen. Und wir tun so, als sei alles in Ordnung. Ein Wahnsinn!», sagt Unternehmer Michel Jüstrich (49) im Interview.

Das Dorf Jonen im Kanton Aargau. Ein kleines Industriegebiet, gesäumt von Einfamilienhäusern, von denen jedes wie ein Ei dem anderen gleicht. Von der Terrasse der neuen, hochmodernen Produktionsanlage geht der Blick in die Ferne, weit übers Reusstal hinaus. Michel Jüstrich, Chef des Nahrungsmittelproduzenten Nahrin, des Tierfutterherstellers Anifit und Verwaltungsratspräsident von Similasan, der grössten Produzentin homöopathischer Arzneimittel in der Schweiz, posiert geduldig für die Fotografin.

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Michel Jüstrich (49) ist Chef von Similasan. Bild: Sabine Wunderlin

Er stapft durch den Schnee und blinzelt in die Sonne, während in den Hallen unter ihm unzählige Gläschen mit Augentropfen, Kügeli, Sprays und Kosmetika vom Band rollen. Die Produkte des Arzneimittelherstellers haben längst auf dem ganzen Globus ihren Platz gefunden. «In den USA zum Beispiel sind unsere Augentropfen der Renner», sagt Jüstrich nicht ohne Stolz.

Er ist ein quirliger Ostschweizer mit wachem Blick, ein Schnelldenker und -redner, ein Vollblutunternehmer, der gerne ein Witzchen reisst, aber auch Folgendes nicht verbergen will: Unter seiner heiteren, freundlichen Gelassenheit brodelt es gewaltig. Kurz gesagt, Michel Jüstrich ist sauer.

SonntagsBlick: Was hat Sie so verärgert?
Michel Jüstrich: Ich bin nicht nur verärgert, ich bin in tiefer Sorge um unsere Wirtschaft. Und um unser Land.

Warum?
Der Erfolg der Schweiz ist auf drei Werten aufgebaut. Fleiss, Eigenverantwortung und liberale Wirtschaft. Alle drei scheinen mir den Bach runterzugehen. Und wir tun so, als sei alles in Ordnung. Ein Wahnsinn!

Sie sagen, wir sind faul und bequem geworden?
Ja. Es ging uns – und da nehme ich mich nicht aus – lange sehr gut, unser bequemes Leben schien selbstverständlich zu sein. Wohl deshalb haben wir an Biss und Opferbereitschaft verloren. Man profitiert vom System, schaut nur für sich selber und scheint vergessen zu haben, dass man säen muss, bevor man ernten kann.

Wer hat Ihnen die Werte vermittelt, die Sie zu dieser Kritik motivieren?
Meine Eltern. Mein Vater führte ein kleines Unternehmen im äussersten Winkel der Ostschweiz, meine Mutter hat sich mit Leib und Seele um uns vier Kinder gekümmert. Wir haben gelernt, dass man füreinander schaut, dass einem niemand wegnehmen kann, was man gelernt hat – und: Es gibt nichts gratis.

Sie sagen, auch die liberalen Werte der Wirtschaft gingen den Bach runter …
… und wie! Was uns Unternehmern an administrativem Aufwand aufs Auge gedrückt wird, ist hanebüchen. Wir werden bevormundet, kontrolliert, mit neuen Regulierungen zugedeckt und können fast nicht mehr arbeiten.

Nennen Sie ein Beispiel!
Jede Firma muss für 5000 Franken das interne Kontrollsystem IKS kaufen. Es soll verhindern, dass sich Manager schamlos bedienen. Mag gut sein für grosse Konzerne, aber über 90 Prozent der Firmen in der Schweiz sind KMU. Als Patron eines Unternehmens bescheissen Sie sich doch nicht selber! Was soll der Quatsch? Oder nehmen wir das Schweizerwappengesetz. Wir müssen bei Nahrin das Schweizerkreuz von der Packung entfernen, obwohl wir alles in der Schweiz entwickeln und produzieren.

Weil nicht alle Zutaten aus der Schweiz kommen?
Eines unserer Topprodukte ist ein Artischocken-Apéro. Es gibt nun mal keine Artischocken in der Schweiz. Müsste ich die Ingredienzien umstellen, wäre das Produkt 20 Prozent teurer. Das können wir uns nicht leisten. Also weg mit dem Schweizerkreuz!

Das schmerzt Sie offensichtlich.
Ja, das schmerzt mich als Eidgenosse und trifft mich ökonomisch. Wir verlieren einen Trumpf im Ausland. Das Schweizerkreuz steht für gute Qualität. Übrigens – im Ausland kann ja jeder das Schweizerkreuz auf die Packung drucken, egal, was drin ist und wo produziert wird. Im Ausland kontrolliert niemand – dafür wir uns selbst in der Schweiz.

Warum verlegen Sie die Produktion der Exportprodukte nicht ins Ausland?
Ja, sehen Sie, das müsste ich eigentlich. Wäre notabene günstiger.

Was heisst das, planen Sie eine Verlagerung der Produktion?
Das plane ich nicht, dafür bin ich zu sehr Schweizer. Aber wir stehen unter massivem Preisdruck, müssen die Kosten senken, wo wir nur können. Das macht mir zu schaffen.

Haben Sie Arbeitsplätze abgebaut?
Bis dato nicht. Eher indirekt, in der Beschaffungskette. Ein Beispiel: Wenn ich Etiketten in Italien 50 Prozent günstiger bekommen kann, muss ich Ihnen nicht sagen, was ich tun werde. Das heisst, die hiesige Druckerei hat einen oder zwei Arbeitsplätze, die sie sich nicht mehr leisten kann. Sie wird die Leute wohl entlassen müssen. Das tut mir sehr leid, aber ich kann nicht anders. Wir müssen sparen!

Und wo sparen Sie?
Früher haben wir eine freiwillige Gratifikation bezahlt – die haben wir gestrichen. Wir werden nicht darum herumkommen, in der Schweiz langfristig über Lohnsenkungen zu reden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir haben zu hohe Produktionskosten.

Wir haben auch hohe Lebenskosten!
Stimmt, aber die kommen ins Rutschen. Der Ölpreis ist massiv gesunken. Die Konsumartikel werden billiger, wir haben eine negative Teuerung. Die Löhne werden sinken müssen. Aber auch der Staat muss endlich sparen!

Wie soll das gehen?
Schauen Sie, die Arbeitslosenrate wäre weit über 3,8 Prozent, wenn nicht Bundesbern und die Verwaltungen generell so gewachsen wären. Ich sage erstens: Verwaltungen betreiben keine Wertschöpfung. Sie sind zweitens aus Steuergeldern bezahlt. Das heisst, aus der Wertschöpfungsindustrie, und das heisst, aus der Wirtschaft. Drittens, was mich am meisten stört: Verwaltungen sind keine Dienstleister mehr, die alles tun, damit die Wirtschaft reibungslos funktioniert. Sie sind zu Piesackern geworden, die wir auch noch bezahlen müssen. Fazit: Auch der ganze Apparat muss die Kosten um mindestens 20 Prozent senken.

Warum 20 Prozent?
Wir haben massive, währungsbedingte Ertragsverluste. Wenn es mir nicht gelingt, die Kosten um ein Fünftel zu senken, gibt es uns in fünf Jahren nicht mehr. Das Gleiche muss auch für den aufgeblähten Staatsapparat gelten.

Sie würden einen engagierten Politiker abgeben!
Es wäre notwendig, dass sich Unternehmer wieder vermehrt politisch engagieren. Im Moment möchte ich möglichst viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Politik ist ein Thema für mich. Aber nicht schon heute.

Quelle: Christine Maier, Blick

Verlagerungen und Eurolöhne: Industriestandort, quo vadis?

Liechtensteins Parteien äussern sich zu den Zukunftsaussichten des Industriestandortes im Zeichen der aktuellen Herausforderungen.

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Foto: Daniel Schwendener

Die Entwicklungen sind alarmierend: Viele Industriebetriebe entscheiden sich, ihre Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern, wo die Produktionsbedingungen billiger sind. Einzelne stellen bei der Auszahlung der Löhne auf den Euroraum um. Die «Liewo» wollte von den Landtagsparteien wissen, wie man dieser Entwicklung von der Politik her begegnen soll, um das beste für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu erreichen. Dabei sehen die Lösungsansätze verschieden aus, obwohl alle wohl dasselbe Ziel haben: faire Bedingungen für alle Beteiligten.Von der Stärkung des Standorts durch Senkung der Lohnkosten über die Stärkung der Arbeitnehmerrechte mit verstärkten Instrumenten der gewerkschaftlichen Tätigkeiten bis hin zur besseren Nutzung von Innovationspotenzial zeigen die vier Landtagsfraktionen ihre Wege auf, um dem Arbeitsplatzabbau entgegenzuwirken.

«Arbeitsplätze erhalten»
Wohin sich unser Industriestandort entwickelt, ist naturgemäss keine rein liechtensteinische Fragestellung. Internationale Entwicklungen müssen ebenfalls in die Betrachtung mit einbezogen werden. Fakt ist, dass Liechtenstein im globalen Vergleich eher hohe Lohnkosten über sämtliche Gehaltsstufen hat. Für Unternehmungen, welche ihre Dienste nur im Inland oder regional anbieten, mag diese Tatsache geringer spürbar sein, sind deren Kunden doch in der Regel ebenfalls regionale Lohnempfänger. Die Nähe zum EU-Raum ist aber natürlich auch für kleine Firmen mit Herausforderungen behaftet. Für international tätige Unternehmungen ergeben sich aber durch die hohen Produktions- bzw. Lohnkosten ganz andere, noch grössere Herausforderungen. Für Qualität nehmen Kunden weltweit einen höheren Preis in Kauf. Aber auch die Konkurrenz schläft nicht und bringt mit tieferen Produktionskosten qualitativ hochwertige Produkte auf den Markt. Meiner Ansicht nach wird Liechtenstein auch weiterhin eine Rolle für die hier ansässigen Industrieunternehmungen spielen. Welche Rolle dies konkret sein wird und welche Art von Arbeitsplätzen seitens der Wirtschaft angeboten werden (können), wird uns die Zukunft weisen. Sicher ist: Nur wenn Liechtenstein als Standort mit seinen Rahmenbedingungen attraktiv bleibt, werden Arbeitsplätze erhalten und sogar neue geschaffen.
Thomas Banzer, Präsident der FBP

«Potenziale erschliessen»
Auf lange Sicht ist es in der Geschichte noch nie gut gekommen, wenn marktwirtschaftliche Entwicklungen durch staatliche Interventionen gebremst bzw. gestört wurden. Der Staat ist für gute Rahmenbedingungen zuständig. Er hat aber auch die Aufgabe, Auswüchse zu verhindern bzw. die Arbeitnehmerschaft, die Umwelt und den Rechtsstaat zu schützen. Der Staat kann möglicherweise drastisch hereinbrechende Strukturveränderungen in dem Sinne «begleiten», dass Härtefälle abgefedert werden. Er kann z. B. versuchen, darauf hinzuwirken, dass einArbeitsplatzabbau entschleunigt und unter Einhaltung eines Sozialplans erfolgt (z. B. mit Kurzarbeitsentschädigungen). Aber verhindern kann er ihn nicht. Dass sich der Industriestandort und allgemein derWerkplatz laufend wandelt, ist Fakt und gehört zur natürlichen (Weiter-)Entwicklung. Die Frage ist, wie man damit umgeht bzw. was u. a. die Politik für die Zukunft daraus im Positiven ableiten und bewirken kann. Auf die damals .orierende Textilindustrie folgte die Maschinenindustrie, die Finanzindustrie und Hightech-Industrie. Liechtenstein muss die neuesten Entwicklungen laufend genau beobachten und versuchen, zukunftsträchtige Potenziale zu erschliessen. Die von Wirtschaftsminister Thomas Zwiefelhofer neu angedachte, verschlankte Form der GmbH könnte ein kleiner Baustein dazu sein, Innovationspotenzial zu fördern.
Jakob Büchel, Präsident der VU

«Nicht wegsehen!»
Industrieangestellte mit niedrigen Löhnen werden vom Staat mit Mietbeihilfen und weiteren Subventionen unterstützt. Der Staat, also wir alle, fördern damit indirekt solche Industrieunternehmen. Auch wenn die Umstellung mancher Unternehmen auf Eurolöhne heute legal ist, darf die Politik nicht wegsehen. Diese Menschen müssen unverschuldet zusätzliche Lohneinbussen hinnehmen. Für die Differenz muss der Steuerzahler aufkommen. Diese Lohnempfänger, die oft nur niedrige Quali.kationen haben, müssen den Eurolohn akzeptieren, sonst droht Kündigung. Solche Firmen hatten oft ein sattes Wachstum und gute Gewinne, von denen Angestellte kaum pro.tierten. Unternehmerische Risiken wie der starke Franken werden aber auf dieAngestellten abgewälzt. Dieser unfaire Neoliberalismus, von dem einige wenige Unternehmer pro.tieren, schadet dem Staat, dem Steuerzahler und der Gesellschaft. Der Staat springt zu Recht bei schlechterWirtschaftslage für Unternehmen ein und beteiligt sich an Lohnzahlungen bei Kurzarbeit. Da wünschen sich Unternehmen – gar nicht neoliberal – ein staatliches Eingreifen. Es kann nicht sein, dass der Staat Unternehmen stützt, wenn diese es fordern, er aber bei unsozialen Geschäftsgebaren beide Augen zudrückt. Die Politik muss den Hebel endlich bei den gewerkschaftlichen Arbeitnehmerrechten ansetzen, sodass diese Menschen fairer bezahlt werden.
Thomas Lageder, Landtagsabgeordneter der Freien Liste (FL)

«Länger arbeiten bei gleichem Lohn»
Viele Firmen haben schon vor Jahrzehnten Tochtergesellschaften in fernen Ländern gegründet oder Liechtenstein ganz verlassen. Meist war die gleiche Begründung wie heute zu hören: Die Arbeitskräfte seien zu teuer. Das ist nichts Neues. Seit etwa fünf Jahren werden von einzelnen Firmen Löhne in Euro angeboten. Lohnempfänger aus FL und CH sind im eigenen Land dem Währungsrisiko ausgesetzt. Das ist ungut.

In diesem Jahr machten einige Firmen Lohnkürzungen. Verlierer sind Liechtensteiner und Schweizer. Arbeitnehmern aus dem Euroraum verbleibt trotz Lohnkürzung wegen der Franken-Aufwertung im Januar immer noch eine «Lohnaufbesserung».

Seit 2007 profitierten EU-Arbeitnehmer wechselkursbedingt im Verhältnis 1.07 zu 1.65, umgekehrt verloren die Firmen bei Exporten in den EU-Raum Einnahmen im Verhältnis 1.65 zu 1.07.

Wohin geht die Reise? Liechtenstein überlebte schon weit schwierigere Zeiten. Rationalisieren und automatisieren, wieder länger arbeiten bei gleichem Lohn und, wenn es sein muss, den Lebensstandard etwas zurücknehmen. Wohin darf die Reise nicht gehen? Durch eine Überschuldung des Staates in Richtung Griechenland.
Herbert Elkuch, Landtagsabgeordneter der Unabhängigen (DU)

Quelle: Michael Winkler, Liewo

Lohngleichheit (noch) Wunschdenken

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Petra Eichele ist Gewerkschafterin beim Liechtensteinischen Arbeitnehmerinnenverband (LANV) und wohnt mit ihrer Familie in Schaan. Kontakt: p.eichele@lanv.li

Das Lohnmobil, eine Wanderausstellung zum Thema Lohngleichheit von Frauen und Männern, macht vom 14. bis 21. August Halt in Vaduz. Dass Lohnungleichheit auch hierzulande durchaus noch ein Thema ist, erklärt LANV-Gewerkschafterin Petra Eichele.

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Frau Eichele, bei der Wanderausstellung Lohnmobil geht es um Lohngleichheit: Ist das auch in Liechtenstein ein Thema?
Petra Eichele: Die Lohngleichheit ist auch in Liechtenstein ein grosses Thema. Der LANV (Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband) sowie das Frauennetz haben in den letzten Jahren vermehrt darauf aufmerksam gemacht. Wir haben in den letzten vier Jahren den «Equal Pay Day» in den Fokus gerückt, dieser findet alljährlich Anfang März statt. Dieses Jahr mussten die Frauen bis zum 9. März arbeiten, um gleich viel Lohn im Portemonnaie zu haben wie die Männer am 31. Dezember 2014.

In der Schweiz verdienen die Frauen bei gleicher Erfahrung und gleicher Arbeit im Durchschnitt einen Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Ist das vergleichbar mit der Situation in Liechtenstein?
Ja, die Situation ist vergleichbar: in Liechtenstein beträgt der Lohnunterschied 17,2 Prozent. Jeder berufstätigen Frau entgehen dadurch 1’181 Franken monatlich, im Jahr sind das 14’172 Franken! Dies wirkt sich folglich im Alter nochmals negativ aus, mit tieferen Renten. Das ist Geld, das den Familien fehlt. Frauen verdienen nicht weniger, weil sie weniger leisten, sondern weil sie für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden. Nur ein Teil des Lohnunterschiedes kann objektiv erklärt werden (z. B. weniger Berufserfahrung, Teilzeitarbeit). Der Rest ist nicht erklärbar und somit diskriminierend.

Die Lohnunterschiede werden in der Schweiz wieder grösser anstatt kleiner. Ist das auch in Liechtenstein der Fall und woran könnte das liegen?
Im Zeitraum von 2010 bis 2012 hat sich die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern um 0,6 Prozentpunkte verringert. Die Frauenlöhne sind etwas gestiegen. Ob sich dieser positive Trend fortsetzt, werden wir erst nächstes Jahr sehen, wenn die neuen Zahlen vorliegen. Als Gewerkschafterin kann ich jedoch bestätigen, dass der Druck auf die Löhne in den letzten Jahren gestiegen ist, und zwar für beide Geschlechter.

In welchen Branchen sind Lohnungleichheiten besonders ausgeprägt?
Die grössten Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern finden sich in den Branchen Rechts- und Steuerberatung sowie Wirtschaftsprüfung, Finanz- und Versicherungdienstleistungen, im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung.

Liegt diese Lohnungleichheit auch ein wenig an den Frauen selber? Verschiedene Expertinnen rufen Frauen dazu auf, bei Lohnverhandlungen selbst- bewusster aufzutreten. Denn es sei so, dass Frauen weniger für ihre Dienste verlangen als Männer. Was müssen berufstätige Frauen tun, um gleich viel wie ihre männlichen Mitstreiter zu verdienen?
Ein im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP60 durchgeführtes Projekt hat untersucht, dass bei Frauen bereits ein bis zwei Jahre nach Abschluss der Erstausbildung und nach Aufnahme einer ersten Erwerbstätigkeit unerklärbare Lohnunterschiede von ganzen 7 Prozent  zu beobachten sind. Das sind etwa 300 Franken pro Monat. 278 Franken davon lassen sich nicht erklären. Und an Selbstbewusstsein fehlt es sicher nicht bei den jungen Frauen, die heute sehr gut ausgebildet sind, wenn nicht sogar besser als ihre männlichen Kollegen.

Ein selbstbewusstes Auftreten ist sicher vonnöten. Noch wichtiger ist es, gut vorbereitet in das Lohngespräch zu gehen, zum Beispiel den orts- und branchenüblichen Lohn zu kennen und zu wissen, wo sich die Arbeitnehmerin informieren kann. Der LANV veröffentlicht anlässlich des Lohnmobils den Leitfaden «Hilfreiche Tipps für einen fairen Lohn». Das Lohnmobil macht ab kommenden Freitag in Vaduz Halt: Im Rahmenprogramm können Frauen lernen, sich in einer Lohnverhandlung korrekt zu verhalten. 

Was bietet das Rahmenprogramm ausserdem an?
Der Liechtensteinische ArbeitnehmerInnenverband bietet am Dienstag, 18. August, von 14 bis 18 Uhr, und am Freitag, 21. August, von 10 bis 14 Uhr, im Lohnmobil Kurzberatungen für junge Frauen zum Thema Lohn an. Wir hoffen, dass uns viele junge Frauen besuchen und wir sie in das Thema einführen und Fragen zum Lohn und zum Lohngespräch beantworten können. Am Staats­feiertag ist das Frauennetz mit der «Lohnbar» beim Lohnmobil vor Ort. Wir stossen auf die Lohn- und Chancengleichheit von Frau und Mann an.  Am Montag, 17. August, um 16 Uhr, eröffnet Regierungsrat Mauro Pedrazzini die Wanderausstellung «Lohnmobil» auf dem Peter-Kaiser-Platz.

Das Thema Lohngleichheit wird auch nach dem Sommer noch Thema sein. Gibt es weitere Veranstaltungen?
Die Infra bietet am 14. und 28. September ein Seminar unter dem Titel «Lohngespräche – mit Selbstvertrauen auftreten und verhandeln» an.  Am 17. November findet das Impulsreferat «Löhne haben kein Geschlecht – oder doch?» statt, das durch die Stabsstelle für Chancengleichheit organisiert wird. Im Anschluss an das Referat findet die Gesprächsrunde mit den Frauen-Landtagsabgeordneten zum Thema statt.

Wie stehen Sie persönlich zum Thema Lohngleichheit?
Dass junge Frauen schon beim Berufseinstieg weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, macht mich sehr betroffen, vor allem auch als Mutter einer Tochter, die gerade ihren Master im Ausland absolviert. Die jungen Frauen von heute sind besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen und haben dennoch schon beim Berufseintritt mit der Lohnungleichheit zu kämpfen. Wir vom LANV sowie vom Frauennetz setzen alles daran, dass sich dies ändert!

Quelle: Jessica Nigg, Liewo